Lehre der Zukunft nutzt Digitalisierung

In einer Podiumsdiskussion erörterten (v.l.n.r.) Prof. Katja Becker (Informatik), Prof. Dr. Katrin Hansen (Vizepräsidentin Lehre), Laura Bahr (Asta-Vorsitzende), Dr. Claudia Bremer und Dr. Nicole Auferkorte-Michaelis (Universität Duisburg-Essen) Digitalisierungsstrategien in der Hochschullehre. Rechts: Moderator Prof. Dr. Matthias Degen (Kommunikation). Foto: WH/BL

Ob die Digitalisierung der Welt auch die Hochschullehre auf den Kopf stellt, diese Frage stellte der diessemestrige „Tag der Lehre“ Mitte November. Zwei Workshops am Vormittag zeigten, wie virtuelle und erweiterte Realität in der Lehre über Produktentwicklung genutzt werden können und wie „Screen Capture Software“ die auf Rechner übertragenen, früheren Tafel-, jetzt Rechnerbilder aufzeichnet und für die Studierenden zum Weiterlernen sichert. Im „Großen Saal“ der Hochschule fanden alle nachmittags zusammen und hörten einen Vortrag von Dr. Claudia Bremer, die eine Expertin für E-Learning ist. Sie ging auf den geschickten Einsatz digitaler Lernformen ein und widmete sich danach während einer Podiumsdiskussion mit weiteren Akteurinnen dem Thema „E-Learning“. Darunter auch die Asta-Vorsitzende Laura Bahr. Zum runden Schluss wurden noch eine Akkreditierungsurkunde und ein Preise verliehen: die Akkreditierungsurkunde für das Tutoriumskonzept des Instituts zur Förderung der Studierfähigkeit und der DAAD-Preis.

(BL) Am Ende ihres Vortrags brachte Dr. Claudia Bremer es noch einmal auf den Punkt: „Es geht um bessere Lehre, nicht um die Digitalisierung als Selbstzweck. Denn nicht die Tools sind wichtig, sondern die Prozesse.“ Manche Tools, die die Digitalisierung mit sich bringt, können die Prozesse aber sinnvoll unterstützen. Welche das sind, kann nur der Lehrende selbst entscheiden, denn das ist unterschiedlich je nach Fach und Zielgruppe.

Im Detail gab es ein paar Vokabeln zu lernen: Der „Flipped Classroom“ etwa bedeutet, dass ein Großteil der vorbereitenden Lernarbeit in die digitale Welt der Studierenden verlegt werden kann, wenn dazu nicht auf ein Skript oder Buch in Papierform verwiesen wird. In jedem Fall kann dann die Zeit der Präsenz in der Hochschule für das Gespräch über die Inhalte genutzt werden oder um Unverstandenes zu klären, am besten im Dialog der Lerngruppe. Bremer: „Hier sozialisieren Sie die Studierenden auf die Lernkultur Ihrer Hochschule.“ Der „Flipped Classroom“ bedeutet allerdings auch eine Steigerung der Eigenverantwortung der Studierenden, denn sie müssen sich digital vorbereiten. Konsumverhalten in der Vorlesung funktioniert dann nicht (mehr). Die Aktivierung der Studierenden zu einem kooperativen Lern-Miteinander zwischen Lehrenden und Lernenden könne aber die Motivation fürs Studium erhöhen.

So ganz kommt die Lehre wahrscheinlich an der Digitalisierung nicht vorbei, auch wenn einzelne Lehrende vielleicht der Ansicht sind, dass sie in ihrem Unterricht gar keinen Sinn ergibt. Die Studierenden von heute sind jedoch so selbstverständlich in der Online-Welt unterwegs, dass sie sich auf andere Methoden erst einlassen müssten. Mit digitalen Lernangeboten kommt der Lehrende daher dem Zeitgeist der Studierenden entgegen. Dabei sieht Bremer die digitalen Tools vor allem als Anreicherung des Unterrichts, nicht als Verdrängung bewährter Methoden. Einen Schritt weiter ginge es, wenn die Lehre komplett virtualisiert wird, doch die Präsenz an den Hochschule hat durchaus einen hohen Wert. Bremer: „Entwickeln Sie als Lehrender keinen Digitalisierungsreflex, sondern finden Sie didaktisch passende Systeme, in denen digitale Medien gezielt unterstützen können.“ Dabei müsse der Studierende die Sinnhaftigkeit des Einsatzes digitaler Medien unmittelbar erkennen, auch Studierende folgten keinem technischen Weg nur um der Technik willen, sondern nur, wenn es ihren Lernprozess aus ihrer Sicht unterstützt.

Mit neuen Medien könne man aber auch neue Zielgruppen fürs Studium erreichen: Studierende, die nicht immer zu bestimmten Zeiten in der Hochschule den Tag verbringen können, weil sie außerdem familiäre Aufgaben erfüllen oder Geld in Nebenjobs verdienen. Dann sorgt Digitalisierung der Lehre auch für die Individualisierung des Studiums. Dazu zählen mehrere Mosaiksteine aus dem E-Learning wie Online-Brückenkurse, E-Lectures, Selbstlernkurse für Schlüsselqualifikationen wie etwa das wissenschaftliche Arbeiten, Wiederholung und Vertiefung von Lerninhalten, Prüfungsvorbereitung.

Den Protagonisten der Westfälischen Hochschule zur Förderung der Digitalisierung von Lehre gab sie noch einen Rat mit auf den Weg: „In jeder Hochschule gibt es verschiedene Gruppen: Die ,Innovators‘, die neue Ideen voranbringen wollen, dürfen Sie nicht vor den Kopf stoßen, wenn die Hochschule etwas später einen etwas anderen Weg als gemeinsamen Weg einführt. Die ,early adopters‘ können Sie fördern und zu Multiplikatoren für eine ,early majority‘ machen. Die Nachzügler einfach ignorieren, sie schließen sich irgendwann von selbst an oder auch nicht.“

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